klavier

Biographie

 

vito3Die philippinische Pianistin María Luisa López-Vito machte in ihrer Heimat schon früh auf sich auf­merk­­sam: im Alter von zehn Jahren spielte sie mit dem Little Symphonie Orchestra, Manila, das A‑dur-Kon­zert (KV 488) von Mozart und als Sech­zehnjährige ge­wann sie den ersten Preis der Mozart B-Cen­ten­nial Competi­tion in Manila. Sie kam aus einer Familie der gehobenen Mittelkasse, ihr Vater war Anwalt. Mit dem Klavierspiel begann sie als Vierjährige, Mary Lopez-Vito, eine Schwester ihres Vaters, war Klavierlehrerin, die auch Maria Luisa den ersten Kla­vierunterricht erteilte. An der Univer­sity of Santo Tomas in Manila war Benjamin Tupas, ein be­deutender zeitge­nössischer Kom­ponist der Philippinen, ihr Lehrer.

 

Ab 1957 folgten intensive Lehrjahre in den USA. Am renommierten Man­nes College of Music in New York fand Ma­ría Luisa López-Vito in Olga Strou­millo die Lehrerin, die sie am stärksten beeinflußte. Diese war Assistentin der vielgerühmten Isabelle Vengerova am Curtis Institut in Philadelphia gewesen und mit Vladimir Horowitz eng befreundet, sie vertrat in der Mannes School die sogenannte Leschetizky-Methode und wußte sich der russischen Klavierschule ver­pflichtet; da Theodor Leschetizky seinerseits ein Schüler Carl Czernys war, kann im übrigen, wer mag, die Tradition, die die Ausbildung von María Luisa López-Vitos prägte, bis zu einem Klavier­virtuo­sen namens Beethoven zurückverfolgen. Zu ihrer College-Ausbildung gehörten unter anderem Theorie, Transponieren und Gehörbildung; in der Kammermusik war Paul Berl für Maria Luisa wichtig. Sie schloß ihr Studium mit dem Bachelor of Music Degree und dem Postgratuate Degree ab. Unter dem von Carl Bamberger geleiteten Mannes-School-Orchestra spielte sie bereits das Klavierkonzert in g-moll von Mendelssohn. Nachdem sie bereits 1957 am Tanglewood Sommer Festival teilgenommen hatte, zählte später zu ihren besonderen Förderern Leopold Mannes, Sohn der Schulgründer (1916) David und Clara Mannes, der ihr zu mehreren Stipendien verhalf.

 

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Entscheidend für die junge Pianistin war ein Stipen­dium, das sie 1962 für die Marlboro School in Vermont erhielt, wo sie Rudolf Serkin begegnete; als sie ihm die letzte Haydn-Sonate, die wunderbare in Es-dur, vorspielte, fand er kaum etwas zu korrigieren, meinte aber, ihrem Spiel fehle nur noch „ein wenig Denken“, - ein Rat, der ihr unvergeßlich blieb und den sie sich vorab in der Befassung mit neuer Musik zu Herzen nahm. Wichtige kam­mer­musikalische Anre­gungen verdankte Maria Luisa Pablo Casals, der in Vermont mit ver­schiedenen Besetzungen arbeitete. In Marlboro traf sie auch Claude Franck, bei dem sie weiter zu studieren vorhatte; ein mit Franck verabredeter Plan, der aus familiären Gründen nicht verwirklicht werden konnte. – Am Ende der ameri­kanischen Periode der jungen Pianistin stand 1966 die Teilnahme an der Van Cliburn-Com­petition in Fort Worth, Texas, bei der sie den Vierten Preis gewann. Zur Jury ge­hörte Lili Kraus, die bekannte Pia­ni­stin ungarischer Herkunft; bei ihr hatte Maria Luisa als Preisträgerin Privatunterricht und erhielt von ihr ein Exemplar ihrer Mozartkadenzen geschenkt, in das die Kom­ponistin schrieb: „To my dear Maria Lopez-Vito, with deep affection & the firm ex­pec­tation of a rich blossoming of her wonderful talent. Lili Kraus“.

 

Nach ihrer Rückkehr auf die Philippinen entfaltete Ma­ría Luisa López-Vito eine rege Tätigkeit sowohl als Solistin in Klavierkonzerten mit den maßgeblichen Orchestern in Manila, nicht zuletzt unter dem Dirigenten Herbert Zipper, wie Carl Bamberger, Serkin und Franck ein emigrierter deutscher Jude. Später spielte sie unter den ein­heimi­­schen Dirigenten Sergio Esmilla, Luis Valencia und Oscar C. Yatco, dem lang­jährigen Chefdirigenten des Manila Sym­pho­ny Orchestra. Hinzu kamen zahlreiche Recitals in Städten auf fast allen größeren Inseln der Philippinen. Schließlich trat sie auch als Klavierpädagogin in Erscheinung, wofür sie schon am Mannes College als besonders befähigt gefunden wurde.

 

1967 verlegte Ma­ría Luisa López-Vito ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt nach Spanien. Konzerte und Tourneen führten sie, außer durch Spanien, auch nach Ita­lien, Holland, England, der Schweiz und immer wieder in ihre philippinische Heimat. Rundfunkaufnahmen mit ihr machten italienische, spanische, englische und ame­rikanische Sender, später auch zunehmend deutsche Rundfunkanstalten. Friedrich Wührer und György Cziffra haben sie gefördert, als sie bereits im Begriff war, sich international einen Namen zu machen. An den Gewinn des Ersten Preises beim VIIIten Concurso Internacional de Piano in Orense schlossen sich zahlreiche Recitals an, die sie teilweise in täglich wech­selnden Städten zu spielen hatte und die sie von Cádiz im Süden bis Santiago de Compostela im Norden führten. In Spanien, wie vorher auf den Philippinen schon, spielte sie häufig auch mit Edward H. Mattos, einem ameri­ka­ni­schen Kultur­attaché, vierhändig auf einem Klavier. – Obwohl Kollegen und Freunde, darunter besonders der Pianist und Musikwissenschaftler Antonio Iglesias, sie förderten und in Spanien zu halten suchten, entschloß Ma­ría Luisa López-Vito sich 1969, ihren Wohnsitz nach Deutschland zu verlegen, wo sie, nach wechselnden Orten wie Heidelberg, Krefeld und Frankfurt am Main, in Oberursel im Taunus auch heute lebt.

 

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Aus den großen Kla­vierwettbewerben, neben Van Cliburn und Orense, die Inter­nationel Piano Competition in Genf, die Casella- und Busoni-Wettbewerbe, der Liszt-Bartók-Wettbewerb, der Concours international de piano in Èpinal und der Con­cours Cziffra in Versailles, ging María Luisa López-Vito als vielfache Preis­trägerin hervor. Fiel sie zuerst durch ihre ebenso virtuosen wie ausdrucksstarken Interpretationen Liszts und Chopins auf, so hat sie sich in jahrzehntelanger Arbeit ein Repertoire geschaffen, das fast die gesamte Klavierliteratur seit dem Barock umfaßt; im Zentrum ihres Interesses standen stets die großen Werke der deutschen und französischen Romantik. Es mangelte nach ihrer Übersiedlung nach Deutschland nicht an Einladungen zu Klavier­abenden in vielen deutschen Städten, von den Metro­polen Berlin, Hamburg und München bis zu kleineren Orten in der Provinz. Ebenfalls hat sie die großen Kon­zerte für Klavier und Orchester aus ihrem Repertoire, von Mozart bis Bartók, nicht selten spielen können, oft mit dem Münchner Symphonie-Orchester Graunke unter Kurt Graunke als Dirigenten. Dennoch hat die Legende vom blühenden Musikleben in der Bun­des­republik sich für die philippini­sche Pianistin nur zum Teil bestätigt. Auch María Luisa López-Vito mußte erfahren, wie­viel hierzulande von Patron­age­ und Beziehungen abhängen. Nur wenig lief ohne das Agenturunwesen; ein Künstler, der es allerdings unzumutbar findet, 50% seines Honorars oder mehr einem Agenten abzutreten und den Versuch unternimmt, seine Arbeit selber in den Konzertmarkt zu bringen, der stößt hier sehr schnell an die Grenzen desselben. Diese Per­iode des künstlerischen Lebens von María Luisa López-Vito ist im Grunde 1985 mit einem, untergründig na­hezu rassistischen, Verriss ihres Schumannkonzerts durch den Generalmusikkritiker des deutschen Klassik-Milieus be­en­det worden, dem kaum noch Einladungen auf ihrem eigent­lichen Ge­biet, der klassischen und romantischen Musik, folgten; die Davidsbündler hatten im Konzertbetrieb längst keine Chance mehr gegen die Philister.

 

Zum Glück hatte die Künstlerin sich vor­her schon immer mehr der Neuen Mu­sik zu­gewandt; Kom­ponisten wie Ben­ja­min Tu­pas, Victor Fenig­stein und Hubert Stuppner haben ihr Ur­auffüh­run­gen anver­traut. In erster Linie realisierte sie diesen Arbeitsbereich in der Kooperation mit Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn, den Grün­dern und Leitern des „En­semble Musica Negativa“. María Luisa López-Vito hat sich, neben Schönberg, Berg und Webern, von denen sie die Gesamtwerke für Klavier allein spielte, für die neue Musik eingesetzt, ja sie hat jene Grenze, welche aller Musik gesetzt schien, mit John Cage und seinem präparierten Klavier überschritten. Besonders aber galt ihr Bemühen dem Kom­­ponisten Theodor W. Adorno, dessen Wer­ke für Klavier sämtlich von ihr entziffert, urauf­geführt und ediert wor­den sind; eben­falls trat sie, mit den Mezzosopranistinnen Bell Imhoff und Liat Himmelheber, in seinen Liederzyklen auf. Aufführungen der Adorno­schen Klavierkompositionen sind nicht zuletzt dem verstorbenen Klaus Schultz zu danken, der María Luisa López-Vito nach Aachen, Mannheim und Mün­chen, in alle von ihm gelei­teten Theater, zu Kla­vier­abenden einlud. - 2002 zwang eine schwere Erkran­kung die Pianistin, von öffent­lichen Auftritten abzusehen und sich auf private Aufnahmen zu beschränken. Dabei hat sie etwa ihre Einspielungen der Sonaten Beethovens vervollständigen können.

 

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